Hausordnung

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Genug der Vorrede! Viel Spaß im Nerd Inn :)

Freitag, 23. Dezember 2016

Ab in die Winterpause mit einer (ganz gewöhnlichen) Weihnachtsgeschichte

"Wenn die staade Zeit vorbei ist, wirds endlich wieder ruhiger." - Karl Valentin

(c) Angelika Braun 2016
Mit diesem treffendem Zitat und einer (ganz gewöhnlichen) Weihnachtsgeschichte, die ich vor Jahren schon geschrieben habe, möchte ich mich in die Winterpause verabschieden. Ich wünsche euch allen schöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Mitte Januar melde ich mich wieder zurück :)


Eine (ganz gewöhnliche) Weihnachtsgeschichte 

Einmal im Jahr gab es eine besondere Zeit im Haus, die Mortimer stets aufs Neue verwunderte. Mit abnehmenden Temperaturen kündigte sich dieses familiäre Großereignis langsam an und die erste Aufregung entstand für gewöhnlich, wenn statt Regen dicke weiße Flocken vom Himmel fielen.

„Mama, komm schnell, es schneit!“ Nina drückte sich dann an der frisch geputzten Scheibe der Terrassentür die Nase platt und Mortimer stand etwas ratlos daneben. Gut, zugegeben, die dichte herabrieselnde Flut ganz in Weiß war schon etwas Faszinierendes.
„Mama! Komm endlich!“ Nina hüpfte aufgeregt.  „Ich will raus!“
„Glei-heich“, kam es als völlig ungenügende Antwort aus der Küche.
„Nein, sofort!“
Enttäuscht sah Nina Mortimer an, der den Kopf schief legte und kurz bellte.  „Gell, du willst auch raus, oder?“
Ja, warum nicht? Mit Nina ging Mortimer gern raus. Mit ihr konnte man wunderbar im Garten spielen und herumtollen. Bei Enno war das nicht mehr so. Seit ihm ein dünner Flaum im Gesicht zu wachsen begann, was er stets vehement als Bart titulierte, war er anders geworden.
„MAMA!“ Nina stampfte zornig mit dem Fuß auf, wollte aber den Platz an der Terrassentür und den Blick auf den Garten nicht preisgeben. Der bereits vorherrschende Frost machte es möglich, dass sich eine erste weiße Schicht auf der Wiese bildete.
„Man, Nini, schrei nicht so rum.“ Das war Enno, der gelangweilt ins Wohnzimmer schlurfte, die offen stehende Zimmertür demonstrativ ignorierte und sich dazu herabließ, die beiden mit seiner Anwesenheit zu beehren. Mortimer bellte eine knappe Begrüßung. Nina wies mit aufgerissenen Augen auf den Beagle. „Siehst du, er will auch raus!“
Enno verdrehte die Augen. „Regt euch ab, es ist nur Schnee, verdammt.“ Damit hatte Enno genug und schlurfte schon wieder davon. Mortimer vermutete, dass er in sein Zimmer zurückkehren und wieder einmal derart laut Musik hören würde, dass es ihm, Mortimer, nicht mehr möglich war, in dem Zimmer zu verweilen. Schade eigentlich, denn er war gern in Ennos Zimmer gewesen. Aber er hatte ja noch Nina. Und die wollte immer noch raus, Mortimer konnte ihre Aufregung spüren. Also gab er sich einen Ruck und trabte zur Küche. Schon auf dem Weg dorthin nahm er eine Dunstwolke wahr, die sich von dort zu verbreiten schien. Es war ihm unerklärlich, wie die Menschen die Quelle dieser teils abstrusen Gerüche auch noch essen konnten, aber manchmal roch es schon sehr verführerisch, auch für ihn. Für gewöhnlich bekam er nichts vom Tisch, aber er hatte einen unschlagbaren Trick entwickelt, den er vorzugsweise bei Ninas Mama anwandte. Er kündigte sich mit einem etwas zu lauten Bellen an, um sicher zu gehen, auch die Aufmerksamkeit zu haben. Dann, als Ninas Mutter sich gerade ungehalten ob der Störung umdrehte, setzte er sich, blickte sie mit großen Augen und angelegten Ohren an und stieß sein herzzerreißendstes Winseln aus. Entnervt wischte sich Ninas Mutter ihre Hände trocken. „Ist ja gut, ihr Quälgeister! Ich komme ja.“

Das war der Beginn einer Zeit, in der sich das Haus mit den Wochen veränderte. Mortimer beobachtete gern von seinem Hundekorb aus neben der Couch das Geschehen. Nicht nur die Jahreszeiten wiederholten sich, sondern auch die Wortwechsel zwischen seinen Herrchen.
„Schatz, wir sollten dieses Jahr mal neue Weihnachtsdeko kaufen.“ Noch war der Tonfall von Frauchen wohlwollend.
„Wir haben im Keller zwei ganze Kisten voll“, kam die Antwort von Mortimers Herrchen auf der Couch aus der Deckung einer weit geöffneten Zeitung.
„Ich will aber mal was Neues!“
„Das kostet jetzt ein Vermögen. Wir schauen, ob wir später etwas im Schlussverkauf finden.“ Raschelnd wurde die Zeitung umgeblättert, ohne freilich die Mauer aus Papier aufzugeben.
„Das hast du letztes Jahr auch schon gesagt und wir haben dann nichts gekauft.“
„Eben, weil wir nichts brauchen.“
Mortimer meinte ein Grinsen in der Stimme zu hören. Frauchen wohl auch, denn sie baute sich breitbeinig vor dem Schutzwall der Zeitung auf.
„Peter, so geht das nicht. Du kannst mir das nicht immer verbieten.“
Mortimer horchte auf. Wenn die Namen genannt wurden, wurde es meistens ernst. Ein kurzer Moment der Stille legte sich über die angespannte Situation, ehe Frauchen der Kragen platzte. „Ich kaufe einfach was! Und neue Kugeln für den Baum will ich auch!“
Mit lautem Rascheln fiel die Zeitungsmauer in sich zusammen und offenbarte einen genervten Papierburgbesitzer. „Gabi, wir haben so viele Kugeln im Keller, dass wir drei Bäume schmücken könnten.“
Gabi neigte sich trotzig ein Stück nach vorn. „Und wenn wir die ganze Nachbarschaft versorgen könnten – ich will Neue!“ Damit war das Thema vom Tisch und Gabi schritt als Sieger vom Platz, während Peter seine nicht mehr ganz so glatte Zeitungsmauer ungehalten wieder aufbaute und mit energischem Umblättern seinen Missmut ausdrückte.

Je mehr die Schneeberge auf den Straßen, Gehsteigen und Bäumen wuchsen, desto mehr wuchs auch der Trubel. Ein wichtiger Termin im Hause Ulman war das viel und oft angekündigte Plätzchenbacken.
„Mama, wann backen wir Plätzchen?“, pflegte Nina täglich zu fragen, bis Frauchen dann endlich mit „Nächsten Samstag“ die erlösenden Worte aussprach. An jenem besagten Tag herrschte schon gleich nach dem Frühstück geschäftiges Treiben in der Küche.
„Enno, willst du nicht mithelfen?“, fragte Gabi vorsichtig ihrem Sohn. Der saß ungerührt mit tief ins Gesicht hängenden Haaren noch am Frühstückstisch in der Küche und hielt seinen Blick konsequent auf sein Smartphone gerichtet.
„Enno?“ Keine Reaktion. Mortimer vernahm deutlich die Musik aus kleinen Knöpfen, die sich Enno seit längerer Zeit immer öfter in die Ohren steckte.
„Enno!“ Gabi wedelte an seinen herabhängenden Haaren. Das hasste er …
Unwirsch strich er sie sich aus dem Gesicht und riss einen Ohrstöpsel heraus. Leises, rhythmisches Wummern war zu hören. „Was ist denn?!“, fauchte er seine Mutter an.
„Ob du mithelfen willst, Plätzchen zu backen.“ Der resignierende Tonfall läutete schon die Niederlage ein.
„Nope“, kam es prompt.
„Ach schade, früher hast du das doch gerne gemacht. Du darfst auch ausstechen.“
„Ich will ausstechen“, brüllte Nina entrüstet dazwischen.
Ennos Blick gelangweilter Blick sprach Bände. „Mama, ich bin dreizehn! Stech deine scheiß Plätzchen selber aus.“
Trotz aller Erduldungstoleranz sah sich Peter nun gezwungen, einzugreifen. „Man, was soll denn immer dieser Ton? Ich bin dein Vater, ich will nicht, dass du so mit uns redest!“
Enno verdrehte die Augen. „Du darthvaderst schon wieder, Dad.“
Damit verschwand der Musikknopf wieder im Ohr und Gabis energische Maßregelung wurde für Enno zu einer Szene aus einem Stummfilm.
„Willst du ihm das immer durchgehen lassen, Peter? Dein Sohn ist rotzfrech geworden.“
Herrchen kippte plötzlich erstaunlich schnell seinen zuvor als zu heiß bezichtigten Kaffee hinunter.
„Wie sagte Karl Valentin so schön: Wenn die staade Zeit vorbei ist, wird’s endlich wieder ruhiger … Komm, Morti, wir drehen ‘ne Runde.“
Entrüstet stemmte Gabi ihre Hände in die Hüften. „Und jetzt lässt du mich hier einfach allein?“
Ja, das tat er. Ehe Mortimer es sich versah, war die Leine am Halsband befestigt und noch während Peter sich die Jacke anzog, musste das Haus verlassen werden. Der harsche Schnee auf dem geräumten Gehweg knirschte bei jedem Schritt. „Keine Sorge, die beruhigt sich schon wieder.“ Mortimer sah kurz hoch und kläffte, was so viel bedeutete: Ich bin nur der Hund, du jedoch solltest dir schon mal was als Wiedergutmachung überlegen.

Am nächsten Tag saß man im Wohnzimmer um einen Zweigkranz zusammen, auf dem vier Kerzen steckten und heute die dritte Kerze angezündet wurde. Auf mehreren Tellern lagen die fertigen Backwerke von Gabi und Nina und während Enno seine Anerkennung des Beisammenseins damit ausdrückte, sich nicht unablässig mit Musik zu beschallen, versäumte es Peter nicht, jede Sorte ausführlich und mit Engelszungen zu loben.

Dann kam die Sache mit dem Baum und den Geschenken. Eines Abends kam Peter von der Arbeit und Mortimer merkte bei der alltäglichen Begrüßung sofort den intensiven Tannennadelgeruch. Das bedeutete, dass jetzt ein Tannenbaum passender Größe zusammengeschnürt im hinteren Eck der Garage stand. Das verstand Mortimer überhaupt nicht. Draußen im Wald standen hunderte davon herum, aber diesen einen durfte Nina nicht sehen?
„Hast du den Baum besorgt?“, fragte Gabi, nachdem sie Nina eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hatte und ins Wohnzimmer kam.
„Klar.“
„So klar ist das nicht. Letztes Jahr warst du so spät dran, dass wir uns mit einer Fichte begnügen mussten.“
„Die war doch in Ordnung.“
„Sie war potthässlich.“
„Es war immerhin ein Baum.“
„Peter!“ Mortimer öffnete für einen prüfenden Blick ein Auge. In diesen Tagen wurden immer recht früh Namen genannt, sonst dauerte es meist länger, ehe dieser kritische Punkt erreicht wurde.
Peter hob beschwichtigend die Hände. „Keine Panik. Es ist eine wundervolle, sündhaft teure Nordmann-Tanne.“
Er sah sich suchend um, entdeckte die Fernbedienung des Fernsehers neben Selbigem liegen und stapfte missmutig los. „Wer legt denn das Ding immer da hin? Das ist eine Fernbedienung, für die Ferne. Hast du eigentlich an das Geschenk für Tante Renate gedacht?“
Gabi fuhr sich nervös durch ihr brünettes Haar. „Welches Geschenk?“
„Na, das Geschenk! Das Geschenk zu ihrem runden Geburtstag.“
„Sie hat Geburtstag?“ Gabis Wangen waren leicht gerötet.
Peter nickte übertrieben. „Am selben Datum wie letztes Jahr, stell dir vor.“
„Müssen wir ihr überhaupt was schenken?“ Frauchen ging in die Offensive. „Ich meine, immer diese Schenkerei zu Weihnachten und auch zum Geburtstag.“
Herrchen ließ sich mit einem Seufzen auf die Couch fallen. „Sie hat nun mal kurz nach Weihnachten Geburtstag, was kann ich denn dafür?“
„Denk du mal lieber an die CD für deinen Sohn, die er sich so sehr wünscht.“
„Ja, ja, ich weiß Bescheid, ich besorg die schon noch.“
Gabi schnitt eine Grimasse. „Du wirst wahrscheinlich am 24. in wilder Panik durch die Stadt rennen …“
„Ja, stimmt, ich sollte gleich los, sonst gibt es nur noch Fichten-CDs.“
Einen Moment lang stand Gabi da wie vom Donner gerührt und stieß einen Laut der Verzweiflung aus. Peter lehnte sich mit einem zufriedenen Grinsen wieder zurück. „Keine Sorge, ich besorg ihm eine schöne Nordmann-CD. Bei Amazon.“
Gabi wollte eigentlich wütend sein, musste aber trotzdem lachen. „Du bist so blöd manchmal, weißt du das?“
Herrchen nickte nur mit außerordentlich zufriedenem Gesichtsausdruck und schaltete den Fernseher ein.

All das mündete in den lang ersehnten, hart erarbeiteten Weihnachtsabend. Der Baum stand am üblichen Platz und hatte neue Kugeln bekommen, die restliche Dekoration war dieselbe geblieben, Tante Renates Geschenk lag bereit zum Einsatz im Schrank und Mortimer hatte genau beobachtet, wie Peter mit einem Augenzwinkern zu Mortimer unter anderem ein flaches, viereckiges Päckchen unter dem Baum platzierte. Die Nordmann-CD? Mortimer erschnupperte, dass es kein heimisches Geschenkpapier war, Herrchen hatte es also fremdeinpacken lassen. So, so.
Nina war furchtbar aufgeregt und Enno kommentierte die Dekorationskünste seiner Mutter mit „läuft bei dir“ und das Weihnachtsessen als „echt fly“ – kurzum, er war zufrieden. Nachdem die Mägen gefüllt waren, versammelte sich die Familie im Wohnzimmer, Kerzen wurden entzündet und Nina stand schon ganz hibbelig vor der Decke, unter der sich die Geschenke verbargen. „Erst wird gesungen“, sagte Gabi wie jedes Jahr und mit Begeisterung stimmte sie ‚Stille Nacht‘ an, der Rest folgte mit leichter Verzögerung und etwas weniger Enthusiasmus. Mortimer schwieg, weil es letztes Jahr wegen ihm mächtig Ärger gegeben hatte. Nicht wegen seinem Geheul, mit dem er sich am Gesang beteiligte, sondern wegen Enno, der deswegen einen minutenlangen Lachflash bekommen hatte. Dann endlich zog Peter die Decke weg, mit voller Absicht so langsam, bis es Nina nicht mehr aushielt, und sie fortriss. Geschenke wurden hochgehoben, Namen verlesen und dann an denjenigen überreicht. Im Hintergrund lief dieselbe Weihnachts-CD zum gefühlten hundertsten Mal, aber das störte keinen. Es gehörte einfach dazu.

An diesem Abend, am Weihnachtsabend, saß Familie Ulman wie unzählige andere Familien beisammen, jeder freute sich über erhaltene Geschenke, freute sich darüber, wie sich die anderen freuten und jeder, ob bewusst oder unbewusst, freute sich vor allem über eines: das Beisammensein.

Fröhliche Weihnachten!

(c) Kilian Braun 2016

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