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Sonntag, 18. Dezember 2016

Weltentor Sci-Fi 2016: Glückwunsch - Sie leben wieder

 

Auch dieses Jahr darf ich bei der Science-Fiction-Ausgabe der Weltentor-Anthologie des NOEL-Verlages wieder dabei sein. Meine Geschichte heißt "Glückwunsch - Sie leben wieder" und dreht sich um Captain Miller und seine Crew, die einmal mehr einen Spezialauftrag zu erledigen hat ...

Hier ist eine Leseprobe:




„Erkennen Sie den Toten, Ma’am?“
Nicht ein gewöhnlicher Angestellter verwaltete diesen Fall, sondern der Stationsleiter der Sektion für Verstorbene, Henry Glom, höchstselbst. Es lagen keine gewöhnlichen Bürger auf fünf seiner sechs Bahren im Leichenschauraum der Raumstation Epsilon-5. So viele auf einmal hatte es in den letzten zehn Jahren nicht gegeben, beinahe hätte der Platz nicht ausgereicht. Die adrett gekleidete Frau in den Dreißigern stand vor der ersten Bahre und hatte ihre Hände auf dem Rücken verschränkt. Sie trug den Anzug eines Investigators der Interstellar World Federation, die  Abzeichen entsprachen dem Third-Grade-Rank, was man bei ihrem Alter nicht erwarten würde. Anna Stone musste zu den Besten gehören, trotz sichtlicher Anspannung in ihrer Haltung besah sie sich abgeklärt den Mann auf der Bahre. Er war Anfang Fünfzig, seine glatt rasierten Wangen sahen blass aus. Wie alle Toten trug er noch seine Uniform der Space Army.
„Mrs. Stone? Erkennen Sie den …“
„Ja“, antwortete Anna Stone schroff. „Es ist Colonel Andrew Smith, Erster Offizier der Seeker.“
Henry nickte, tippte etwas auf seinem SmartPad in seiner Hand und ging dann zur nächsten Bahre.

„Und diese Frau? Erkennen Sie sie?“
Anna Stone folgte ihm mit bedächtigem Schritt, der Klang ihrer Absätze wagte es die Totenruhe zu stören. Die kurzen brünetten Haare der Toten sahen schön aus.
„Ja. Isabella Graham, Tech-Spezialistin der Seeker-Crew.“
Es ging zur nächsten Bahre. „Und hier? Diese Person?“
Ein junger Mann, Ende Zwanzig, Tätowierungen an den Unterarmen. Anna atmete durch.
„Viktor Kokolenko, Mechaniker der Seeker-Crew.“
Das Gesicht der Frau auf der vorletzten Bahre war jung und puppengleich schön. Anna blinzelte mehrfach, es wurde nun doch etwas zu viel für sie.
„Lieutentant Armanda Rodriguez, Navigatorin der Seeker-Crew“, kam sie der Frage vorweg. „Hören Sie, wie kann das sein?!“, begehrte die Investigatorin auf. „Wie kann es sein, dass sie alle … tot sind?“
„Es war offenbar ein Nervengift. Wir arbeiten noch an einer genauen Analyse.“
„Das tun Sie besser, und zwar verdammt schnell, denn das hier wird Konsequenzen haben!“ Anna Stone funkelte Henry böse an, als könne er etwas dafür. Mit stoischer Ruhe ließ er den Wutausbruch über sich ergehen, er kannte diese Art von Reaktionen. Der Verlust geschätzter Menschen schmerzte tief und schwer. Er trat vor die letzte Bahre.
„Wir haben es gleich geschafft, Mrs. Stone. Erkennen Sie den Mann?“
Langsamer als bei den Anderen schloss die Investigatorin auf und kaute auf ihrer Unterlippe. „Ja“, brachte sie schließlich heraus. Der Tote trug seinen Dreitagebart, so wie immer, sah gut aus in seiner Uniform, die ihn als Offizier und Kommandant einer Spezialeinheit auswies.
„Das ist Major General Ryan James Miller. Die ganze verdammte Crew der Seeker liegt hier vor mir, ist es das, was Sie hören wollen?“ Anna drehte sich weg und presste die Hand vor den Mund.
Henry Glom nickte verständnisvoll, machte noch einige wenige Eingaben auf seinem SmartPad, dann schloss er den Vorgang ab. „Bis zur genauen Klärung der Todesursache bleiben die Körper hier unter Verschluss. Ich gebe Ihnen noch ein paar Momente, in Ordnung?“ Anna nickte nur und der Sektionsleiter ging.

Als die Investigatorin sicher war, allein zu sein, sah sie hoch zur Kamera in der Raumecke über der Tür. Kurz danach erlosch das kleine rote Lämpchen, welches die Aufnahmeaktivität des Geräts anzeigte. Aus ihrer Tasche holte Anna eine kleine flache Schatulle hervor und öffnete sie. Darin befanden sich fünf Einwegampullen, deren Inhalt über eine Nadel injiziert werden konnte. Nacheinander tat sie genau dies bei allen Personen auf den Bahren in der Halsgegend. Danach trat sie zurück und achtete auf die kleine Zeitanzeige ihres Minidisplays auf ihrer Contact-Smart-Lenses. Eine Minute verging, dann noch eine.
„Wirkt es nicht?“, hörte sie über ihren Ohrchip. Nur ein kleiner Kreis war in das gewagte Manöver eingeweiht.
„Doch, tut es.“ Anna hoffte es zumindest inständig.
Plötzlich ging ein Arm in die Höhe, jemand hustete, es wurde nach Luft geschnappt. Nach und nach kehrte das Leben in die Personen auf den Bahren wieder zurück.
„Setzen Sie sich langsam auf“, empfahl Anna Stone mit befehlsgewohnter Stimme. „Geben Sie ihrem Kreislauf ein paar Augenblicke.“ Hinter ihrer Selbstsicherheit fiel die Anspannung ab. Es hätte auch ganz anders ausgehen können …
„Es hat verdammt noch mal funktioniert.“ Viktors Stimme mit dem harten Akzent des H4-Quadranten war noch brüchig. Andrew rieb sich mehrfach über das Gesicht und stöhnte. „Wundervoll. Ich werde zu alt für so eine Scheiße.“
„Geht’s dir gut?“, fragte Isabell Armanda, die etwas benommen nickte.
Kommandant Miller war der Erste, der sich von seiner Bahre runter schob und mit noch unsicheren Schritten zu Anna Stone ging. Die aufrechte Haltung der Investigatorin drohte angesichts der Erleichterung einzuknicken.
„Gratuliere: Sie alle sind jetzt offiziell tot.“

Zwei Stunden später befanden sich Anna Stone und die Seeker-Crew in einer Werkstatt des Hangars. Metallregale reihten sich an den Wänden dicht an dicht und waren mit allerlei Werkzeug und Bauteilen bestückt. Ein markanter Geruch von Öl und Metall hing in der Luft. In der Mitte konnten sowohl Laderoboter wie auch andere Gerätschaften der Station für die Reparatur auf einer Hebebühne platziert werden. Jetzt wurde hier nicht geschraubt und verdrahtet, sondern die Investigatorin hatte die Werkstatt zum Briefing-Room umfunktioniert.
„Die Besprechungsräume werden auch immer beschissener.“ Andrew sah sich missbilligend um. „Gibt’s hier auch Kaffee?“ Er war dafür verantwortlich, dass die Füllstandsanzeige für Kaffee im Servicemodul der Seeker stets den unteren Rand nach einer Mission erreicht hatte.
„Hier werden Sie sich mit Öl zufriedengeben müssen.“ Anna Stone hatte sich an die Stirnseite des länglichen Raumes gestellt und sah von einem zum Anderen.
„Sie haben Ihren Tod gut verkraftet, wie ich sehe. Falls Sie nun denken, Sie wären zum Spaß gestorben, muss ich Sie leider enttäuschen.“ Sie hob ihr SmartPad in die Höhe. „Hier ist Ihre nächste Mission.“

Armanda, die Navigatorin, neigte sich zu Isabella. „Die zahlen uns eindeutig zu wenig für den Mist“, flüsterte sie.
„Absolut.“ Isabella nickte.
„Was ist es diesmal?“, fragte Viktor. „Liquidation? Babysitting?“ Mit ‚Babysitting‘ wurde in der Space Army die Tätigkeit als Leibwache bezeichnet.
„Sie sollen etwas überprüfen.“
„Und das geht nur als Walking Dead, oder wie?“, fuhr Viktor dazwischen.
„Vik! Ruhe“, ermahnte Andrew ihn mit passendem Blick. Der Mechaniker neigte ergeben sein Haupt und steckte demonstrativ seine Hände in die Hosentaschen, was für einen Soldaten ungebührliches Verhalten darstellte. Kommandant Miller schwieg, aber ihm entging nichts. Er deutete der Investigatorin, fortzufahren.
„Der Planet Kurkilon-9b ist Teil des Besiedelungsprogramms der WDW Corporation. Nach üblicher Prüfung des Planeten mit einer Forschungsstation wurde verhältnismäßig schnell eine erste Kolonie gegründet und langsam aufgebaut.“
„WDW Corporation? Wer waren die noch gleich?“ Isabella kratzte sich am Hinterkopf.
„WDW, We Discover Worlds. Ein milliardenschweres Unternehmen, alteingesessen und führend in der Planetenerforschung und Besiedelung“, sagte Miller.
„So ist es“, stimmte Anna Stone zu. „In dem letzten veröffentlichten Firmenbericht für den entsprechenden Quadranten wird die Population von Kurkilon-9b mit null angezeigt. Begründung: biochemische Verseuchung. Bei wilden Kolonien ohne vorherige eingehende Planetenprüfung kann das passieren, aber die WDW hat ein ausgeklügeltes System zur Untersuchung von neuen Welten und jahrzehntelange Erfahrung. Einen Fehler in dieser Größenordnung hätten sie anzeigen und erklären müssen. Auf gezielte Nachfragen kommt jedoch keine klare Darlegung. Ausflüchte, Gerede von einer ‚unerwarteten Planetenabnormalie‘. Kurz und gut: Da ist was faul. Einer Investigation seitens der IWF haben sie nicht zugestimmt, auch wenn der MSC da in der Rechtsprechung sehr eindeutig ist. Also müssen wir das komplett abseits der Protokolle vornehmen. Sie werden also offiziell nicht hingeschickt, weil Sie nicht leben und nicht herausfinden sollen, was da nicht geschehen ist.“ Die Investigatorin entfernte ein Fussel von ihrem Ärmel. „Fragen?“

„Wo liegt der Planet?“, fragte Armanda.
„Was weiß man über diese Verseuchung?“, wollte Isabella wissen.
„Da brauchen wir spezielle Anzüge“, stellte Viktor fest.
„Ohne Kaffee fliege ich nirgendwohin.“ Andrew verschränkte die Arme vor der Brust.
Die Investigatorin ließ die Wortmeldungen zunächst ungerührt an sich abperlen.
„Der Reihe nach, Leute“, ermahnte Miller seine Crew.
Anna Stone nahm sich noch einen Moment Zeit, ehe sie antwortete.
„UO1-Quadrant, Renubis-Haufen. Offiziell ist es eine Verseuchung, aber das passt nicht zur Verschwiegenheit in dieser Sache. Passende Ausrüstung wird zur Verfügung gestellt. Auch Kaffee.“

Die Seeker-Crew verarbeitete einige Momente lang die Informationen.
„Wie kommen wir da hin?“, fragte Miller schließlich. „Wir können schlecht mit unserem Schiff fliegen, wenn wir tot sind.“
Anna Stone hatte mit dieser Frage gerechnet und nickte. „Sie reisen mit einem ‚ausgeliehenen‘ Atmosphärenprüfer der WDW.“
„Wissen Sie, wie klein ein AP ist?“ Viktor deutete einen winzigen Abstand mit seinen Händen an. „Das wird zusammen mit der Ausrüstung verdammt eng. Für lebende Organismen ist der nicht unbedingt geeignet.“
Die Investigatorin sah ihn emotionslos an. „Na, zum Glück sind Sie ja momentan tot.“
Viktor rollte mit den Augen und schwieg.
„Wird da die WDW nicht misstrauisch werden?“, fragte Armanda. „Ich meine, jetzt fliegt plötzlich einer ihrer AP dort einfach hin und …“
„Das sind die Dinge, um die ich mich kümmern werde.“ So wie die Investigatorin es sagte, gab es keine Zweifel daran. „Ihr Job wird es sein, mal einen kurzen Blick auf die örtlichen Gegebenheiten zu werfen, ein paar Bilder zu machen, Proben zu nehmen und dann wieder zu verschwinden.“
„Ein Spaziergang also“, kommentierte Andrew und so wie er es sagte, erwartete er das genaue Gegenteil.
„Der einzige leichte Einsatz war der vorherige“, zitierte Miller das Motto der Spezialeinheiten.
„Wann soll es losgehen?“, fragte Isabella.
„Morgen.“
„Morgen schon?“ Isabella stieß die Luft aus. „Ja, klar, warum nicht …“
„Sie dürfen natürlich diesen Raum bis dahin nicht verlassen.“
„Na toll ...“ Armanda war noch nicht lange bei dieser Truppe und staunte, dass wirklich bei jeder Mission eine neue Variante der Unbequemlichkeit geschaffen wurde.
„Da können Sie sich schon mal an die Enge gewöhnen. Sie haben noch gar nicht nach der Flugzeit gefragt. Atmosphärenprüfer haben keinen Dark Drive.“ Entsetzte Gesichter starrten sie an. „Wird also etwa vier bis sechs Monate dauern.“
„Was?!“
„Heilige Scheiße …“
„Also, ganz ehrlich …“
Nachdem die erste Aufregung verklungen war, lächelte die Investigatorin, diesmal offen und ehrlich, was ihr gut stand und die Strenge nahm. „Das war ein Scherz.“
„Ts“, entfuhr es Viktor erleichtert. „Lady, ich sag‘s Ihnen …“
Andrew wandte sich an Miller. „Wir müssen das machen, oder?“
Der Kommandant nickte. „Sorry, ja. Und jetzt, da wir schon mal tot sind …“
Der Erste Offizier verbarg seine Augen hinter der Hand. „Nur noch ein paar Jahre, nur noch ein paar Jahre …“
„Das schaffst du schon, Andrew“, rief Viktor amüsiert. „Du weißt ja: Gestorben wird …?“
„… nur auf Befehl“, ergänzten die anderen das gängige Sprichwort der Soldaten im Chor, Miller sagte nichts, schmunzelte aber.
Anna Stone räusperte sich. „Sie bekommen die Ausrüstung zuerst hier her gebracht, dann können Sie sich damit schon mal vertraut machen. Alle weiteren Infos finden Sie auf Ihren SmartPads. Morgen quetschen – Verzeihung – setzen Sie sich in den Atmosphärenprüfer. Wenn sonst keine weiteren Fragen mehr sind?“ Die Investigatorin strafte sich, strich über ihre tadellos sitzende Uniform und ging zur Tür. Kurz sah sie noch einmal zu Miller zurück.
„Passen Sie auf sich auf.“ Kurz huschte ehrliche Besorgnis über ihr Gesicht, dann ging sie.

...

(c) Kilian Braun 2016

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